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Die Sage vom Schlangenkönig

An vielen alten Spreewaldhäusern sieht man an den Giebelspitzen
stilisiert dargestellte gekreuzte Schlangenköpfe die eine Krone
tragen. Über den Ursprung dieses Brauches kursieren im Spreewald
zwei dem Inhalt nach völlig verschiedene Sagen:
Der Schlangenkönig I
Ein fremder Graf war aus Italien in die Lausitz gekommen. Er erfuhr
von den Leuten, dass es im Spreewald einen Schlangenkönig gäbe;
der spiele mit den übrigen Schlangen oft auf der Waldwiese und lege
dabei seine Krone an einer sonnigen Stelle ab. Der Graf war habgierig
und beschloss, die Krone des Schlangenkönigs zu rauben. Er suchte
daher bis er die Wiese gefunden hatte und beobachtete, wie die Schlange
ihre Krone auf einen sauberen Fleck, am liebsten auf etwas Weißes
ablegte, um dann mit den übrigen zu spielen und sich in der Sonne
zu tummeln. Eines schönen Tages ritt der Graf zu den Schlangen,
breitete ein weißes Tuch auf der Wiese haus und versteckte sich
hinter einem Strauch. Die Tiere kamen auch bald, und der Schlangenkönig
legte seine Krone auf das Tuch. Dann spielten sie etwas abseits
in der Sonne. Gerade das hatte der habsüchtige Graf erhofft. Schnell
schlich er zu dem Tuch, erfasste es mitsamt der Krone, schwang sich
aufs Pferd und ritt im Galopp davon. Im Nu jagte eine große Schar
Schlangen hinter dem Dieb her. Erritt, soviel das Pferd hergab,
übersprang eine hohe Mauer und entging den Verfolgern. Mit der Krone
wurde der Graf reich und ließ sich ein Schloss bauen. Zum Wappenschild
erwählte er eine Mauer und eine gekrönte Schlange
Quelle: Sagen der Lausitz, Domowina-Verlag Bautzen, 1990
Der Schlangenkönig II
In früheren Zeiten gab es eine Unmenge Schlangen im Spreewald,
so dass es für die Leute eine wahre Landplage war. Da kam eines
Tages ein geheimnisvoller Wandersmann und sagte: »lch will euch
die Schlangen vertreiben aber nicht vor dem 1. Mai!«
Die Leute mussten auf sein Geheiß eine riesige Grube graben und
ein Brett darüber legen. Als der 1. Mai gekommen war sagte er: »Aus
allen Himmelsrichtungen werden die Schlangen samt ihren Königen
kommen. Sobald ich mit der Zauberei beginne, werden sie sich auf
mich stürzen. Kurz vorher aber fallen sie in die Grube. Wir wollen
hoffen, dass ich bei diesem gefährlichen Schauspiel nicht selbst
mit den Schlangen hinab falle. Sollte das passieren, muss ich sterben.
Werft dann ganz schnell Erde in die Grube, damit mich die Schlangen
nicht zu sehr beißen! Der Mann trat auf das Brett und spielte eine
wunderschöne Melodie auf seiner Flöte. Danach neigte er sich dreimal
in alle Himmelsrichtungen und blies wieder auf der Flöte. Plötzlich
konnte man ein seltsames Rauschen in der Luft hören. Aus allen Himmelsrichtungen
kamen unzählige Schlangen herbei, voran die Schlangenkönige mit
goldenen Kronen. Es war ein Glitzern und Funkeln in der Luft wie
es die Menschen noch nie zu Gesicht bekommen hatten.
Die Schlangen schossen auf den Mann zu, verfehlten ihn -gottlob
- und stürzten in die Grube. Eine aber kam ihm doch zu nahe. Er
schrie auf und fiel in die wütend zischelnde Menge. Eilig liefen
die Leute mit Schaufel und Spaten herbei und schütteten das Getier
samt dem Manne mit Erde zu. Seiner „Befreiungstat“ zu Ehren
tragen die Häuser noch heute die gekreuzten Symbole der Schlangenkönige.
mündl. Überlieferung
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